Wenn das Eis schmilzt, was das für uns alle bedeutet
Jeden Tag trifft Sonnenlicht auf die Erde. Ein Teil davon wird zurück ins Weltall reflektiert, ein anderer Teil erwärmt die Erdoberfläche. Durch Treibhausgase: ,,gase wie CO₂, Methan oder Lachgas, die Wärme in der Atmosphäre festhalten“, die durch menschliche Aktivitäten freigesetzt werden, wird immer mehr dieser Wärme in der Atmosphäre eingeschlossen. Das führt zur globalen Erwärmung, also zur langfristigen Erhöhung der durchschnittlichen Temperatur auf der Erde. Besonders deutlich wird diese Entwicklung an den Polen.
Polare Verstärkung, warum sich der Norden schneller erwärmt
Die Arktis erwärmt sich deutlich schneller als der Rest der Erde. Fachleute sprechen hier von der polaren Verstärkung: ,,ein Klimaeffekt, bei dem Temperaturveränderungen in Polarregionen stärker ausfallen als im globalen Durchschnitt“. Seit 1971 ist die Durchschnittstemperatur in der Arktis um mehr als 3 Grad Celsius gestiegen, etwa dreimal so viel wie auf dem restlichen Planeten.
Ein zentraler Grund ist der sogenannte Albedo-Effekt: ,,Reflexionsvermögen einer Oberfläche“. Eis und Schnee haben eine hohe Albedo, sie reflektieren Sonnenlicht sehr effektiv. Wenn das Eis jedoch schmilzt, wird die dunkle Meeresoberfläche sichtbar, die viel mehr Wärme aufnimmt. Das führt zu weiterer Erwärmung und erneutem Eisschwund, eine positive Rückkopplung.
Der Kipppunkt, wenn Veränderungen unumkehrbar werden
Diese Rückkopplung kann zu einem Kipppunkt führen. Wenn zu viel Eis geschmolzen ist, lässt sich der ursprüngliche Zustand nicht mehr wiederherstellen, auch nicht bei sinkenden Emissionen. Die Arktis könnte in wenigen Jahrzehnten im Sommer komplett eisfrei sein.
Im Zeitraum 2011 bis 2020 war die Ausdehnung des Meereises so gering wie seit mindestens 1850 nicht mehr. Besonders im Spätsommer, wenn das Eis ohnehin am schwächsten ist, war die Eisbedeckung so gering wie seit über 1000 Jahren nicht mehr.
Folgen für das globale Klimasystem
Das Schmelzen des arktischen Eises hat weitreichende Auswirkungen. Es beeinflusst unter anderem den Jetstream: ,,ein Starkwindband in großer Höhe, das unser Wettergeschehen mitbestimmt“. Wenn sich der Temperaturunterschied zwischen Äquator und Polen verringert, wird der Jetstream schwächer und wellenförmiger. Das kann zu längeren Wetterlagen führen, etwa zu wochenlangen Hitzewellen oder Starkregen.
Außerdem gelangt durch das Schmelzen von Eis mehr Süßwasser in den arktischen Ozean. Dieses Süßwasser kann die thermohaline Zirkulation stören: ,,das globale Förderband der Meeresströmungen, das durch Temperatur- und Salzunterschiede angetrieben wird“. Eine Abschwächung dieser Strömungen könnte den Golfstrom beeinflussen, eine wichtige Meeresströmung, die das Klima in Europa maßgeblich prägt.
Auch der Süden ist betroffen
Auch in der Antarktis zeigt der Klimawandel Wirkung. Die oberen 2000 Meter des Südpolarmeers haben sich in den letzten 40 Jahren um 0,4 Grad Celsius erwärmt. Gleichzeitig sinkt der pH-Wert des Meerwassers, ein Zeichen für zunehmende Versauerung der Ozeane: ,,eine chemische Reaktion von CO₂ mit Wasser, die das Leben vieler Meerestiere gefährdet“.
Durch die Veränderungen verschieben sich die Lebensräume vieler Arten. So nehmen die Krill Bestände: ,,kleine garnelenartige Tiere, Hauptnahrung für Pinguine, Wale und Robben“ ab oder wandern in andere Gebiete. Eisbewohnende Arten wie der Kaiserpinguin verlieren Lebensraum, während anpassungsfähigere Arten wie der Eselspinguin sich weiter nach Süden ausbreiten.
Die Erwärmung sorgt auch dafür, dass nicht-heimische Arten sich in der Antarktis ansiedeln, Pflanzen oder Tiere, die dort zuvor nicht überleben konnten. Diese können das empfindliche Ökosystem zusätzlich unter Druck setzen.
Wirtschaftliche Interessen und politische Spannungen
Durch das schmelzende Eis wird die Arktis zugänglicher – sowohl für Schiffe als auch für wirtschaftliche Ausbeutung. Unter dem Meeresboden werden große Mengen an fossilen Rohstoffen: ,,wie Erdöl und Erdgas“ vermutet. Einige Länder beanspruchen Teile des Meeres für sich und beginnen mit der Erschließung.
Das ist ein großes Paradoxon: Der Klimawandel macht das Eis rückgängig und genau das öffnet den Zugang zu den Rohstoffen, die den Klimawandel weiter anheizen. Die Folge: ein Teufelskreis, der politische Spannungen, Umweltzerstörung und noch mehr Emissionen zur Folge haben wird.
Was jeder tun kann, einfache Maßnahmen mit Wirkung
Auch wenn vieles weit weg scheint, kann jeder Mensch im Alltag etwas tun, um zur Verlangsamung des Klimawandels beizutragen:
Energieverbrauch senken, z. B. durch sparsames Heizen, LED-Beleuchtung oder Standby-Verzicht
Ökostrom beziehen statt Strom aus fossilen Quellen
Weniger fliegen oder auf Zugreisen umsteigen
Mehr Rad fahren oder zu Fuß gehen, statt für kurze Strecken das Auto zu nutzen
Politisches Engagement zeigen, etwa durch Teilnahme an Wahlen, Petitionen oder Bürgerinitiativen
Fazit
Die Veränderungen in den Polarregionen sind dramatisch und deutlich messbar. Die Arktis erwärmt sich mehr als doppelt so schnell wie der Rest der Welt. Das Meereis schwindet, Wetterextreme nehmen zu, Meeresströmungen verändern sich und das alles betrifft nicht nur ferne Orte, sondern auch unser Leben in Europa.
Gleichzeitig wird sichtbar, wie eng Klima, Politik und Wirtschaft miteinander verwoben sind. Der Zugang zu Rohstoffen, das Verhalten von Staaten, aber auch unser persönlicher Lebensstil haben Einfluss auf den Verlauf der Erderwärmung. Wir stehen an einem Wendepunkt. Ob wir diesen Kipppunkt überschreiten, hängt auch davon ab, was wir heute tun. Jeder Beitrag zählt und gemeinsam können wir viel bewirken.





